Herbst 2015: Als die Flüchtlingskrise Salzburg erreicht Ein Blick zurück auf die Zeit, die das Land verändert hat

APA/Gindl/Archiv

Im Herbst 2015 wird Salzburg zu einem Hotspot der Flüchtlingsströme, die sich vom Nahen Osten her durch Europa bewegen. Als Deutschland die Grenzen dicht macht, droht die Situation zu eskalieren. Polizei, freiwillige Helfer und Flüchtlinge selbst tragen mit ihrem Einsatz dazu bei, dass Ordnung in das Chaos kommt. 

Der „Sommer der Migration“ 2015 beginnt in Salzburg erst so richtig, als schon fast Herbst ist. Erste Anzeichen dafür, dass es in den Flüchtlingslagern im Nahen Osten brodelt und die Menschen dort in Massen weg wollen, gibt es schon im Frühjahr diesen Jahres. Ab März steigen die Flüchtlingszahlen an, im Mai werden am Areal der Landespolizeidirektion Salzburg in der Alpenstraße Zelte aufgebaut, um Flüchtlinge unterzubringen. Das fordert die Hilfs- und Einsatzkräfte und sorgt für Diskussionen. Im Vergleich zu dem, was später in diesem Jahr kommen sollte, ist das noch die Ruhe vor dem Sturm.

In der Nacht auf 1. September kommen Flüchtlinge in zahlreichen Zügen am Salzburger Hauptbahnhof an, bis zu 2.000 Menschen auf der Flucht halten sich zeitweise dort auf, Freiwillige versorgen sie mit dem Nötigsten. Auch zu diesem Zeitpunkt verläuft noch alles reibungslos, am Morgen haben alle Flüchtlinge Salzburg in Zügen Richtung Deutschland verlassen.

Am 13. September ändert sich das schlagartig. Deutschland beschließt Grenzkontrollen einzuführen. Von Ungarn nach Österreich, wo die meisten Flüchtlinge zu dieser Zeit herkommen, gibt es diese nicht. Österreich ist ein Puffer zwischen beiden Ländern, und das macht sich vor allem in Salzburg bemerkbar. Mehrere tausend Flüchtlinge stranden in den folgenden Tagen und Wochen vorübergehend in der Landeshauptstadt. Das Notquartier in der Bahnhofstiefgarage ist mehr als voll. Später sind es auch die neuen Camps am ehemaligen Asfinag-Gelände und an der Grenze zu Freilassing. Man ist am Limit und weiß kaum, wie man mit der Menschenmenge, und mit ihren Bedürfnissen, umgehen soll.

Die Polizei: „Was passiert, wenn sie unfriedlich werden?“

Manfred Ottenbacher ist zu dieser Zeit für die Polizei an diesen Hotspots. Und steht mitten im Chaos, ist dafür verantwortlich, dass es nicht überhandnimmt. Chaos ordnen, das ist der der Job der Polizei, das gibt es auch bei großen Fußballspielen. Trotzdem, die Menschenmassen auf engem Raum, das lässt bei Ottenbacher und seinen Kollegen manchmal ein beklemmendes Gefühl aufkommen. Der Schengenfahnder stellt sich die Frage: „Was passiert, wenn sie unfriedlich werden?“

Damit das nicht passiert, haben die Beamten gewisse Freiheiten: „Wir sollten es möglichst amikal (freundschaftlich, Anm.) lösen“, sagt Ottenbacher. Kontrollen, wie es sonst die Aufgabe der Schengenfahnder ist? „Das ist nicht mehr vorgesehen“, erinnert sich Ottenbacher an den Auftrag der Behörde (das Innenministerium, Anm.), „und wäre auch nicht mehr möglich“. Trotzdem kommt es zu Situationen, die die Beamten schwitzen lassen. Manchmal setzen sich die Leute in der Bahnhofstiefgarage in Bewegung, weil irgendwoher die Information kommt, dass es an der Grenze weitergeht. Wer diese Nachricht verbreitet, Ottenbacher weiß es nicht. Von ihm und seinen Kollegen sei sie nicht, ist er sich sicher. Sie müssen dann wieder Ordnung reinbringen. Das ist anstrengend. Die Polizei ist am Rande ihrer Kapazitäten, die Beamten sind erschöpft. „Ich bin seit 37 Jahren bei der Polizei. Wir haben das noch nie in diesem Ausmaß erlebt“, sagt Ottenbacher. Aber jeder weiß: „Wir können das nur gemeinsam bewältigen“, erzählt der Polizist. Wenn einer ausfällt, kann die Polizei die Leute nicht mehr geordnet weiterbringen, die Asylanträge nicht mehr abarbeiten. Die Ausnahmesituation schweißt die Beamten laut Ottenbacher zusammen. Alle halten durch.

Die Helfer: „Jetzt hilft nur eins, und zwar anpacken“

Eine Ausnahmesituation ist der Herbst 2015 nicht nur für die Polizei. Ein Bild von damals hat sich in das Gedächtnis von Mike Vogl gebrannt: Eine Mutter schläft mit ihrem Baby am Asphalt und wartet, über die Grenze nach Freilassing zu kommen. Das ist der Moment, als für Vogl, der eigentlich Fotograf ist, klar wird: „Jetzt hilft nur noch eins, und zwar anpacken.“ Gemeinsam mit Helmut Krenn zieht er die Camps an der Grenze zu Freilassing und am ehemaligen Asfinag-Gelände im Stadtteil Liefering hoch. Die Beiden stellen mit einigen Mitstreitern das Organisationsteam. Insgesamt 1.800 Freiwillige sollten sich ihnen anschließen, die „Helferz“ entstehen. Zwei Wochen lang sind die Helfer laut Krenn auf sich allein gestellt. Die Versorgung der Flüchtlinge hängt allein an ihnen, Stadt und Land Salzburg brauchen ein bisschen, um aktiv zu werden. „Wenn man etwas an den offiziellen Stellen kritisieren möchte, dann ist das ihre langsame Reaktion am Anfang“, meint Krenn im Gespräch mit SALZBURG24.

Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen von Stadt und Land spielt sich bald ein. „Man hat etwas benötigt, und es ist gekommen“, sagt Vogl. Irgendwann nehmen die beiden Camps an der Grenze und am Asfinag-Gelände Größen an, die die Möglichkeiten der freiwilligen Organisation übersteigen. „Wir waren dann wirklich froh, als sich das Land Salzburg und der Magistrat dem angenommen haben. Wir haben gute Vorarbeit geleistet und eine funktionierende Struktur übergeben“, schaut Krenn zurück.

Der Flüchtling mit zwei Leben

Edward ist im Herbst 2015 mittendrin unter den tausenden Flüchtlingen. Der Iraner, der ursprünglich Ardeshir hieß, war zwei Monate davor selbst nach Österreich gekommen, um Asyl zu beantragen. Er lebt zu der Zeit zwei verschiedene Leben. Zum einen ist er selbst Flüchtling. Als solcher hat er Angst. „Was wird mit mir passieren, wann fällt eine Entscheidung, ob ich einen positiven oder negativen Asylbescheid erhalte?“, denkt Edward. Eine Entscheidung, die über sein Leben bestimmt. Seine heutige Frau Klara, von der er den Nachnamen trägt, und ihre Familie unterstützen ihn. Auch seine Kirchengemeinde, erst als Christ heißt der 24-jährige Konvertit Edward, hilft aus. Den Stress nimmt ihm das in den 19 Monaten bis zu seinem Asylbescheid aber nicht. Man wisse nie, was am nächsten Tag passiert. „Kommt die Polizei, kommt eine Entscheidung vom BFA (das Asylamt, Anm.), wann kann ich Deutschkurse belegen, wann darf ich zu arbeiten beginnen?“, schildert Edward. Ständige Ungewissheit. Sein Leben planen: Unmöglich.

Zum anderen ist Edward Helfer. Er betreut sieben Monate lang Flüchtlinge am Asfinag-Gelände. Bei den anderen Flüchtlingen ist er nicht gerade beliebt. Zu streng sei er, meint Edward. Er beachtet die Regeln, tut, was der Chef ihm anschafft. Wenn er etwa Kleidung ausgibt: Eine Jacke für Jeden, ein Paar Schuhe, nicht mehr, nicht weniger. Das kommt nicht gut an, auch bei anderen Freiwilligen nicht, die gerne mal nachsichtig sind. Aber Edward ist wichtig: Die Kleidungsstücke sind knapp, jeder soll die gleiche Chance haben, versorgt zu werden. Das hat für Edward was mit Ehrlichkeit zu tun.

Ehrlichkeit, die sieht er nicht bei allen Flüchtlingen. Manche würden ein neues Leben in Österreich suchen, weil sie aus Syrien, dem Irak oder Iran vor Krieg und Verfolgung flüchten. Andere kämen für ein besseres Leben nach Österreich. Ein Recht, dass er niemanden absprechen wolle, aber für ihn nichts mit dem Asylrecht zu tun hat. Das ist seine kleine Kritik, die auch den österreichischen Politikern gilt.

Die „Riesenaufgabe“ der alten und neuen Salzburger

Was bleibt den Salzburgern heute, zwei Jahre nachdem Salzburg zum Nadelöhr für Flüchtlinge wurde? Es bleiben Anekdoten von großem Chaos, und wie Polizei, Freiwillige, Flüchtlinge an einem Strang gezogen haben. Wie sie gemeinsam anpackten, um Durchreisende mit Essen und Schlafplätzen zu versorgen, möglichst niemand hungern und frieren zu lassen. Es bleiben Geschichten, wie jene des Polizisten Ottenbacher, als in der Waffenkammer der Polizei keine Pistolen und Gewehre mehr zu sehen waren, sondern sie bis oben hin mit Windeln und Babynahrung angefüllt waren. Wie er und seine Kollegen auch mal Kinder gewickelt haben. Einfach, weil es gerade nicht anders ging.

Es bleiben Geschichten, wie jene von Edward, der angekommen ist, verheiratet, glücklich und mit einem neuen Zuhause in Österreich, aber davor 19 Monate lang in der Luft hing, nie wusste, wie es mit ihm weitergeht. Es gibt aber auch Geschichten, wie jene der sechs Terror-Verdächtigen, die zwischen September 2015 und Jänner 2016 in den Flüchtlings-Camps in Salzburg festgenommen wurden. „Wir haben insgesamt Hunderttausende durch Österreich durchgeschleust. Jeder, der glaubt, da kommen nur Brave, ist einfach auf einem anderen Planeten“, sagt Polizist Ottenbacher.

Salzburg ist aber nicht bei diesen Geschichten stehengeblieben, das normale Leben ist wieder eingekehrt. In der Bahnhofstiefgarage parken wieder Autos. Das ehemalige Asfinag-Gelände ist menschenleer und ungenutzt und am ehemaligen Camp an der Saalachbrücke weist nichts mehr auf den Flüchtlingstreck hin. Mike Vogl ist wieder Fotograf, Manfred Ottenbacher zieht als Schengenfahnder wieder Verbrecher aus dem Verkehr. Trotz der Rückkehr zum Normalen hat sich Salzburg verändert.

Für Hunderttausende Flüchtlinge ist Salzburg nur ein Zwischenstopp am Weg nach Deutschland gewesen. Mehrere Tausend blieben hier, genaue Zahlen für das Bundesland gibt es nicht. Sie leben jetzt in Salzburg und sollen Teil der Gesellschaft werden, verschiedene Integrationsprojekte sind dazu da, den Weg in die Arbeitswelt zu ebnen. Helmut Krenn will seine „Helferz“-Truppe wieder mobilisieren und sich für die Alteingesessenen genauso einsetzen, wie für jene, die eine Zukunft in Österreich suchen. Edward hat Anschluss in Österreich gefunden und doch einen weiten Weg vor sich. Er macht eine Lehre als Hotelassistent, die Berufschule steht an, später vielleicht ein Studium. Nicht alle haben dieses Berufsglück, nur etwa zehn Prozent der Flüchtlinge, die 2016 ein Bleiberecht erhielten, hatten Mitte des Jahres einen Job. „Natürlich ist das alles eine Riesenaufgabe“, sagt Flüchtlingshelfer Krenn zum Thema Integration. Eine, „die mit gutem Willen zu bewältigen ist.“

Die Flüchtlingskrise hat uns auch innerhalb der Redaktion vor eine neue Herausforderung gestellt. Wir waren plötzlich mit einer Flut an Kommentaren in unserem Forum konfrontiert. Innerhalb weniger Tage änderte sich dort die Diskussionskultur gehörig zum Negativen. Zahlreiche verachtende und hasserfüllte Postings in teils kaum zu entziffernder Sprache wurden unter dem Deckmantel der Anonymität abgesetzt, an eine sachliche Diskussion war nicht mehr zu denken. Die Kommentar-Schreiber beschimpften sich gegenseitig, machten einzelne Politiker oder die „Lügenpresse“ für die Krise verantwortlich. Unser Forum war zum Mülleimer mutiert. Und diesen hatten wir über Wochen und Monate tagtäglich aufs Neue auszumisten: Welche Kommentare sind zu veröffentlichen, welche nicht? Was ist Meinung, was Denunzierung? Wo endet die Freiheit der Meinungsäußerung und wo beginnt Hetze? Wir haben viel diskutiert. Nicht immer ist uns die Entscheidung leichtgefallen und bestimmt gab es auch Fehlentscheidungen – in beide Richtungen.

Was war geschehen? Die Menschen hatten Angst, konnten, das, was gerade passierte, nicht einordnen, wussten nicht, wohin das führt, was als nächstes kommen wird, wie es weitergeht, waren überfordert und verwirrt. Wenn man bedenkt, dass die politisch Verantwortlichen die Situation anfangs deutlich unterschätzt hatten, war das auch gar nicht verwunderlich. Während sich die einen in ihrer Unsicherheit alleine gelassen fühlten und ihrem Unmut im Netz freien Lauf ließen, wiederholten die anderen ihre Hoffnungsparolen wie Mantras. Viele schotteten sich ab und zogen sich in ihre eigene Blase zurück, in die Facebook-Filterblase. Dort fanden sie Verständnis und Bestätigung – der Algorithmus des sozialen Netzwerks prägte mehr und mehr die eigene Meinungsbildung. Und plötzlich war alles nur noch schwarz oder weiß, jede Aussage rechts oder links.

Vor allem auf Facebook brodelte die Gerüchteküche gewaltig, Fake-News entstanden und wurden teilweise bewusst ins Netz gestellt, ohne Angabe von Quellen versteht sich. In dieser Zeit erreichten uns immer wieder Nachfragen über unser Forum, per Email, WhatsApp, Facebook-Messenger oder Telefon. Die Leser wollten wissen, was stimmt und was nicht. Mit einem Anruf bei der Polizei waren viele Falschmeldungen, wie etwa „Bürgerkrieg am Hauptbahnhof“ rasch aufgeklärt. Umgekehrt gab und gibt es bis heute auch immer wieder Postings im Netz, die sich durch unsere Recherche als richtig herausstellten, so wie es beispielsweise bei den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2016 der Fall war.

Einen wertschätzenden Umgang untereinander erwarten wir daher auch von den Aktiven in unserem Forum. Diese Einstellung hat uns beispielsweise im Sommer 2016 (unter anfänglich großem Protest) auch dazu bewegt, den Dislike-Button bei den Kommentaren zu entfernen. Die Meinungen der User sollten nicht mehr bewertet bzw. abgewertet werden können, was in der Vergangenheit die Stimmung oft kippen ließ. Zusätzlich haben wir unsere Netiquette angepasst und die Regeln für die Redakteure, was freizugeben ist und was nicht, überarbeitet. Als weiteren Schritt haben wir die Registrierungspficht für User-Kommentare eingeführt, was auch in der neuen App von SALZBURG24 umgesetzt wurde und in naher Zukunft auf die mobile Version ausgeweitet wird. Das bedeutet, dass es keine rein anonymen Kommentare in unserem Forum mehr geben wird. Denn wer eine Meinung vertritt, sollte auch dazu stehen können.

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